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Klassische Gitarre
kurze Geschichte einer vielsaitigen Entfaltung
Die Vorgeschichte der Gitarre ist unklar und in der Urzeit der Menschheit verwickelt. Da der Vermutung und der Romantik keine Grenzen gesetzt sind, gibt es dazu eine Menge phantasievollster Theorien. Eine alte Fabel möchte sogar das erste Zupfinstrument in den Händen eines ägyptischen Gottes entstehen sehen, der am Meeresstrand eine ausgetrocknete Schildkrötenschale fand, in welcher noch Gedärme und Muskeln erhalten und gespannt waren. Mit göttlichen Fingern habe er über selbige gestreichelt - und göttliche Musik produziert... Nur eines steht aber fest: als der Mensch den Bogen erfand, mit welchem er seine Beute auch aus tarnender Entfernung durchpfeilen konnte, waren alle Bestandteile zu einem Zupfinstrument vorhanden. Und damit - mitsamt Perkussionen und Stimme - wohl überhaupt der Musik ein Anfang gemacht. Dem Bogen wurden Klangkörper hinzugefügt, um die Stärke seiner Resonanz zu erhöhen. Einen mit ausgehöhlter, getrockneter Kürbisschale versehenen Bogen findet man heute noch als Musikinstrument bei Urvölkern. Eine der ältesten uns überlieferten Darstellungen eines Zupfinstruments stammt von der Siedlung Alaja Huyuk (Anatolische Halbinsel) aus der Zeit rund um 1400 v. Chr.
400 v. Chr. sitzt in einer athenischen Steinplastik eine elegante Musikerin, die ein kleines Zupfinstrument in Händen hält. Erstaunlich ist, wie sehr ihre ganze Haltung derjenigen eines heutigen Gitarristen entspricht.
Die Gitarre - in Form ihrer Vorläufer - ist also unterwegs nach Spanien, wo sie ihre eigentliche Heimat finden wird. Um 1200 erscheinen die ersten "Chitarras Latinas".
Die um 1500 erschienene Vihuela ist das erste Instrument, das alle Merkmale der Gitarre besitzt. Davon sind uns zwar nur ganz wenige Exemplare überliefert worden, jedoch kann man heute auf der Gitarre Musik spielen, die für die Vihuela komponiert wurde. Diese sehr anspruchsvollen Kompositionen zeigen, daß die damaligen Vihuelisten große Virtuosen waren.
Mit dem italienischen Bau bekommt die Gitarre ihre eigentlichen Beschaffenheiten: einen 8-förmigen Korpus (der allerdings länglicher ist, als der heutige), ein einziges (damals noch schwer verziertes) Schalloch, einen Hals mit Griffbrett und Bünden. Damals hat sie meist vier Doppelchöre und eine Chanterelle (Diskantsaite). Auch der Geigenbauer Stradivari baut solche Instrumente. Am Hofe Ludwigs XIV kennt die Gitarre eine ihrer bekanntesten Blütezeit. Alle, vom König selbst (der als großer Virtuose zählt) bis zum einfachsten Farmmädel spielen Gitarre. Aber genau diese Popularität führt zu ihrem Absturz... die Edeldamen des Hofes ertragen es nicht, dasselbe Instrument zu spielen, wie ihre Diener. Wie immer wieder in ihrer Geschichte purzelt die Gitarre aus sozialen Gründen vom Throne in die Mißachtung herunter, bevor sie wieder und unwiderstehlich zum nächsten Höhepunkt steigt. Die extrem komplexe und schwer zugängliche Laute ersetzt sie also eine Zeitlang im Herzen (und in den Händen) der Adeligen. Damit wird auch der ihr nach Maß entwickelten Notation in Tabulaturen ein mehr oder weniger endgültiges Ende gemacht - zugunsten der heute traditionell gewordenen Notenschrift. Aber die Gitarre verschwindet nicht. Die Bauersleute und die Zigeuner bleiben ihr treu. In ihren Kreisen wird ununterbrochen musiziert, getanzt, getrunken, geliebt und gefeiert. So jedenfalls stellt es der Maler Caravaggio dar - und gründet damit eine ganze Kunstrichtung, die Erotik und Stilleben vermischt. Unzählige Bilder entstehen, in welchen blühende Mägde und starke Ackermänner - alle sichtlich beduselt - fröhlich herumtollen, meist über üppig bedeckte Tische gekippt, in systematischer Begleitung von tropfenden Weinkrügen, sinnlichen Früchten und wildzupfenden Gitarristen. Dann beginnt die Gitarre erneut, sich nach oben zu arbeiten. Große Gitarristen wie Ferdinando Carulli (1770-1841), Fernando Sor (1778-1839), Mauro Giuliani (1781-1829) oder Matteo Carcassi (1792-1853) komponieren für sie weltbekannt werdende Werke und machen sie wieder äußerst salonfähig. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nimmt die Popularität der Gitarre in der "Kunstmusik" erneut ab. An ihrer Stelle tritt das Pianoforte.
Doch etwa zur gleichen Zeit entwirft der in San Sebastian de Almeria geborene Gitarrenbaumeister Antonio de Torres (1817-1892) die perfekteste Gitarre, die je konzipiert und gebaut wurde. Schon rein äußerlich erreicht sie eine pure, einfache Eleganz, die alles sagt.
Torres gibt ihr die Proportionen, die wir heute kennen. Er entwickelt und vervollkommnt die 7 Fächerbalken, die er anstelle der einfachen 4 oder 5 Querbalken unter der Decke plaziert. Und er verteilt sie und ihre Ausmaße dermaßen perfekt, daß alle späteren Versuche, diese Proportionen und Muster zu verbessern, ausnahmslos scheitern. Er findet ebenfalls heraus, welche Mensur (klingende Saitenlänge) für die Gitarre ideal ist: 65 cm. Und das alles fast nur autodidaktisch und intuitiv.
Seine Gitarren haben eine unvergeßliche Eigenschaft: ihre Klangqualität; weich und dennoch kraftvoll - und eine weiche, leichte Ansprache. Bemerkenswert ist, daß die modernen Gitarrenbauer eine zeitlang versucht haben, immer größere Instrumente zu bauen. Durch Vergrößerung der Torres-Proportionen, Verlängerung der Mensur (bis 68cm) etc. verfolgten sie das Ziel, die Lautstärke der Gitarre zu erhöhen. Dabei erreichten sie das genaue Gegenteil; das fast unspielbar gewordene Instrument klang zwar in unmittelbarer Nähe lauter, doch trug es die Schwingung nicht weit genug - so daß man jene in einiger Entfernung nicht mehr deutlich wahrnehmen konnte, da wo die Klänge einer Torres-Gitarre noch lange die Ohren der Zuhörer eines großen Saales erreichten.
Parallel zu Torres und mit einem seiner Instrumente entwickelt der größte Gitarrist aller Zeiten die moderne Spieltechnik: Fransisco Tarrega (1852-1909) spielt nur Gitarre und komponiert nur für sie. Seine Werke nutzen und untersteichen alle Eigenarten und Möglichkeiten des Instrumentes, sowohl sie alle Fähigkeiten des Gitarristen in Bewegung setzen. Trotzdem der pädagogische Hintergrund vieler seiner Kompositionen nicht zu übersehen ist, wirken diese beim Zuhören nie als technische Übungen, sondern als raffinierte, romantische Musikschätze. Er arbeitete pausenlos an der Rehabilitation der konzertierenden Gitarre. Neben dem neuen Repertoire, das er schuf, transkribierte er meisterlich Werke von Chopin, Schumann und Bach. Sein Schüler Miguel Llobet (1878-1937) brachte seine Technik bis zu uns. Der brasilianische Komponist Heitor Villa-Lobos (1887-1959) kann als Nachfolger Tarregas und Weiterentwickler der klassischen Gitarrenmusik betrachtet werden. Aber abseits von den unregelmäßigen, undankbaren Schwankungen der Gunst der "Kunstmusik", bleibt die Gitarre dem Volk treu. In Spanien wird sie zum einzigen und verehrten Instrument des Flamencos. Dabei bekommt sie den maurischen Akzent, der ihrem nostalgischen Klang am besten paßt. Unzählige Flamenco-Gitarristen wurden zu absoluten Meistern, ohne je in die Öffentlichkeit zu geraten. Sie bereicherten und beschmückten die Flamenco-Musik unendlich und selbstlos weiter, und vererbten sie "mündlich". Nur der allergrößte Meister Ramon Montoya (1880-1942), der autodidaktisch die reinste Flamenco-Musik mit der klassischen Technik zusammenführte, brachte sie in Konzertsäle - zum Beispiel in den Salle Pleyel in Paris, der notorisch nur klassische Musikveranstaltungen beherbergte. Die Kindheit von Andrés Segovia (1893-1987) ist von dieser in Spanien überall ertönenden Gitarrenmusik gewiegt. Er vollbringt die von Tarrega angefangene Rehabilitation der Gitarre und fasziniert ganze Konzertsäle. Zu unterstreichen ist, daß auch dieser weltweit anerkannte Botschafter der Gitarre ein totaler Autodidakt war. Nach ihm kam eine ganze Reihe junger Gitarristen. Der Italiener Emanuele Segre ist einer der meistbewunderten Vertreter dieser heutigen Generation. (Parallel zu dieser Geschichte der klassischen Gitarre darf ihr volkstümlicher Zweig nicht vergessen werden, der zur gitarristischen Überschwemmung der 70er Jahre führte. Diese neue Hippies-Verehrung stürzte sie einerseits erneut in die Mißachtung, machte aber andererseits - teilweise durch Elektrifizierung - aus ihr das populärste Instrument einer neuen Volksmusik. Erwähnt sei auch ihr wichtiger Zweig als Jazzinstrument - welchem Gitarristen wie Django Reinhard die Ewigkeit verliehen.) Was die klassischen Gitarrenbauer anbelangt ragen Manuel Ramirez (1869-1920) und der deutsche Herman Hauser (1882-1952) hervor als Nachfolger Torres. José-Luis Romanillos zeigt sich aber als der gründlichste und treuste Posthum-Schüler des großen Meisters aus San Sebastian de Almeria auf. Er schrieb dessen Biographie und studierte eingehend sein ganzes Werk. Der autodidaktische Schweizer Gitarrenbaumeister Werner Schär, der 1984 eines seiner Seminare besuchte, ist einer seiner Erben. Die von Schär gebauten Instrumente erreichen klanglich sowie ästhetisch die Perfektion der Werke Torres - und setzen in zahlreichen Punkten neue Maßstäbe.
André Stern, Paris, April 2000
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